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Sterbehilfe

Gus und das gute Ende

Es gibt Dinge, über die denkt keiner von uns gerne nach. Den nächsten Zahnarztbesuch zum Beispiel. Einen Freund, der sich nicht mehr meldet oder einen zweistelligen Kontostand. Und dann gibt es Dinge, über die einige sehr viel nachdenken, andere so gut wie gar nicht oder erst wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt.

Wie den eigenen Tod.

Als Normalsterbliche (ha!) sind wir für gewöhnlich nicht jederzeit bereit zu gehen und trösten uns mit dem Gedanken, dass die massive Verdrängung auch etwas Gutes hat. So können wir uns ganz auf das Leben, das Gegenteil, konzentrieren. (Was natürlich Quatsch ist.)

Als kleiner Junge habe ich viel über den Tod nachgedacht. Das erste Mal als ich verstand, dass alles auf der Welt endet. Später weil ich Angst um meine Oma hatte, die zu der Zeit merklich abbaute. Damals hatte ich einen wiederkehrenden Traum, in dem ich mit ihr bei einem Bombenangriff durch die Stadt irrte und vergeblich Schutz suchte.

Während des Studiums war das für mich kein Thema, was rückblickend überrascht, da mir zu dieser Zeit nicht nur die Großeltern, sondern auch die wichtigsten Freundschaften buchstäblich „wegstarben“.

Seit einiger Zeit merke ich, dass Vergänglichkeit wieder zum Thema wird – auch wenn es mich verblüfft, wie ausführlich sich andere (Schriftsteller, Philosophen) z.T. damit auseinandersetzen. Das mag zum einen daran liegen, dass mir Bertrand Russells Feststellung

Ich glaube, dass ich verwesen werde, wenn ich sterbe, und dass nichts von meinem Ego übrig bleibt. […] Das Glück ist wahr, auch dann, wenn es ein Ende finden muss, und auch das Denken und die Liebe verlieren nicht ihren Wert, weil sie nicht ewig währen.

so aus dem Herzen spricht.

Anscheinend sehe ich aber auch die zwingenden Konsequenzen, die sich aus der Haltung gegenüber dem einen in Bezug auf das andere ergeben sollen, nicht so klar wie andere. Sicher, wir alle sind bereits vom Moment der Geburt an „des Todes“ und Demut gegenüber dem Leben führt mit Sicherheit zu einem entspannteren Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit. Davon abgesehen aber bereiten mir Krankheiten und das damit verbundene Leid mehr Kopfzerbrechen als der Tod selbst – oder was in aller Welt wohl danach geschehen mag.

Vor dem Hintergrund dieser und ähnlicher Fragen hat mich eine aktuelle Doku tief berührt und ich möchte gerne an dieser Stelle gerne ein paar Schlüsselszenen teilen. Louis Theroux hat ja die besondere Gabe seine Zuschauer alles was er erlebt so erfahren zu lassen, als sei man tatsächlich dabei. Im Fall des krebskranken Sterbehilfe-Befürworters Gus aus Kalifornien ist das allerdings besonders beeindruckend gelungen.

Gus ist zu beneiden. Ganz sicher nicht um den Krebs, dafür aber um die Freiheit, selbst in Abstimmung mit seiner Frau den Beginn und die Art seiner letzten Reise wählen zu können und vor allem in Gesellschaft seiner wunderbaren Familie Abschied nehmen zu dürfen.

Kann es etwas Menschlicheres, weil gleichzeitig unendlich schrecklich und unendlich schön, geben? Ich glaube nicht.

So viel Liebe. 🙂 (Seufz.)

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Kunst Suizid

Nicht von dieser Welt

„Mann mit Hund!“ Es ist Dienstag, der 19. Oktober 1999 kurz nach 20 Uhr und ich fahre mit ein paar Freunden durch Frankfurt-Eschersheim. Wir sind gerade von der Autobahn abgebogen, haben uns ein bisschen verfranzt und keine Ahnung wie wir unser Ziel, die Maybachstraße 24, erreichen sollen. Also halte ich neben dem Mann, den mein Kumpel gerade gesehen hat und frage nach dem Weg zum Batschkapp, einem Club, der „hier irgendwo“ in der Nähe sein muss. „Ihr meint die Kapp?“ Ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Einfach an der nächsten Kreuzung rechts, dann an der dritten Ampel links. Nach 100 Metern auf der rechten Seite seht ihr das Schild.“ „Wow, vielen Dank!“, entgegne ich vom Fahrersitz aus. „Sie wissen es wahrscheinlich nicht, aber Sie haben uns gerade das Leben gerettet.“ Und nach einer kurzen Pause: „Was ist das eigentlich – eine Batschkapp?“ „Wisst ihr das denn nicht…?“ Der Typ scheint amüsiert. „So nennt man hier bei uns die französischen Mützen.“ Meine Freunde und ich schauen uns fragend an. „Eine Schiebermütze?“ „Ja, genau! Oder Schlägermütze. Batsch heißt auf Hessisch ,Schlag‘.“

Als wir den Saal betreten, erschlägt es uns fast. Der Raum vor der Bühne ist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt. Im Stehen bricht einem glatt der Schweiß aus. Irgendwie schafft es mein Kumpel noch vier Bier zu besorgen, während wir uns mit fadenscheinigen Begründungen in die Mitte des Publikums durchkämpfen. Der coolste Roadie aller Zeiten ist gerade noch dabei, den Bass zu stimmen. Er trägt einen braunen Trainingsanzug aus Fleece und sein Schmerbauch hängt schlapp über die Bommel seiner rutschbereiten Hose. Er sieht aus, als würde er nach getaner Arbeit gleich wieder in den Bus steigen zu Bier, Nachos und nur äußerst ungern unterbrochener Staffel Akte X – – was er wahrscheinlich auch tut. Nach fünf Minuten geht das Licht aus und die Band betritt die Bühne. Sie spielen ein Instrumental und bringen das Publikum in Stimmung.

Dann kommt der Moment, der mein Leben für immer verändert. Plötzlich erscheint der Sänger. Er hat schmale dunkle Jeans an, eine offene Lederjacke und seine kurz gelockten Haare fallen ihm lässig in die Stirn. Über seinem Ziegenbärtchen zeichnet sich ein schüchternes Lächeln ab. Das Publikum applaudiert und er hebt die Hand zum Gruß. „Ich fasse es nicht“, höre ich mich selbst sagen. „Er sieht aus wie der junge Jim Morrison – nur 1.000x besser!“ Für einen Moment habe ich das Gefühl, der ganze Club will auf der Stelle mit ihm schlafen. Dann beginnt er zu singen, und für einen kurzen Moment treffen sich unsere Blicke. Seine kristallblauen Augen stechen direkt durch mich hindurch. Seine Stimme jagt mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Während der nächsten eineinhalb Stunden bin ich wie in Trance, vergesse alles um mich herum, während er und seine Band das Album spielen, das ich erst ein paar Tage vorher gekauft habe und das mich bis heute begleitet: Euphoria Morning. Das wahrscheinlich schönste und gleichzeitig traurigste Stück Musik, das je aufgenommen wurde. Und bis heute eine meiner absoluten Lieblingsplatten. Diese Songs, diese Stimme, diese Produktion, dieser Sound. Dieser Mann!!

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Die alte „Batschkapp“ in Frankfurt, 1991

Fast forward: Mai 2017.

Ich sitze gerade am Frühstückstisch, als die Nachricht reinkommt. Meine Knie fangen an zu zittern und das Handy gleitet mir aus der Hand. Das kann nicht sein. Nein, nein, nein!!! Erst vor ein paar Wochen hatte ich seine letzte Soloplatte gehört, versucht die Reunion mit Soundgarden neu einzuordnen. Sicher, mir war aufgefallen, dass sein neues Leben ziemlich anders war als die „goldenen“ Neunziger oder die Zeit mit Audioslave, als ich ihn ein bisschen aus den Augen verloren hatte. Aber die times of trouble schienen überwunden, er war überaus produktiv und präsent, in jeder Hinsicht. Sogar einige Shows mit Temple of the Dog hatte es gegeben.

Die Reaktion von Frau und Schwiegermutter schien den ersten Eindruck zu bestätigen: Eine Verkettung unglücklicher Umstände allein könne es gewesen sein. Der verkorkste Gig in Detroit, die hartnäckige Migräne, der Stress des Hin- und Herfliegens, die berüchtigte Pille zu viel. Eine Art Sekunden-Rückfall in alte Zeiten. Nur jetzt, ein knappes halbes Jahr später, ergibt sich ein anderes Bild von Chris Cornells letzten Jahren. Und das fühlt sich weniger gut an…

Ein glücklicher Ehemann und Musiker sei er gewesen, ihr „sweet Christopher“, seine Texte – vor allem die des letzten Albums – Ausgeburten eines kreativen Geists ohne Bezug zum „wirklichen“ Leben, so die Familie. Bis zur Veröffentlichung des toxikologischen Befunds ließ sich die Wie-aus-dem-Nichts-These auch recht gut aufrecht erhalten. Der aber zeigte, dass Cornell weder eine Überdosis Beruhigungsmittel noch andere Drogen im Körper hatte, die einen derartigen „Unfall“ hätten erklären können. Vielmehr hatte sich der Musiker mit den Tabletten selbst über den Rubikon geholfen. Die Möglichkeit eines Spontanentschlusses fiel vor dem Hintergrund der Verriegelung zweier Türen und der Installation einer Schlaufe aus Gymnastikband und Haken ebenfalls aus.

In den Wochen danach tauchten dann immer wieder Nachrufe angeblicher Fans mit hanebüchenen Pseudonymen auf der offiziellen Webseite auf, die ins gleiche Horn bliesen wie die Ex-Frau. Er solle nicht so hart zu sich selbst sein, im Jenseits. Frieden ließe sich lediglich finden, indem Chris sich für seine Taten – gemeint war natürlich das Im-Stich-Lassen seiner Familie – selbst vergebe.

So bleiben dem, der mehr wissen will, im Grunde nur die Posts weniger bekannter Leute, mit denen Chris Cornell in seinem Leben zu tun hatte. Sie vermitteln einen Eindruck von der Zerrissenheit seiner Seele und dem Grad der Depression, mit der der Künstler sein Leben lang und vor allem gegen Ende zu kämpfen hatte. Wie z.B. der von Andrew Berenyi:

chris, a LOT of us will miss you very much, and the thought that we’ll never hear THAT VOICE coming out of that big chest in real life again, that i’ll never be able to shake your hand and have a hug, and maybe you grab my ass or some play like that shit you used to do, is hard to deal with. you were just a guy. a very special guy with some oddities that made you ….YOU–well, i’m gonna miss you a ton my friend. and i wish you were still around to encourage me, and to agg me on to do some crazy stuff, with you, or just knowing you’re out there watching, trust me man, i’d put a follow spot on you too. anytime.

one thing though, chris. you scared me man. the night you told me that you had a beautiful new daughter, a fast black car in the parking lot outside the hotel, that you had a pretty new girlfriend, millions of dollars and all the fame a guy could ever desire, and you still thought “how can i get on the roof of this place, and take my last jump” and that you didn’t know where those thoughts came from, especially considering that you had more cool stuff than you had dreamed you’d have, you scared me. so when i got the news last week, somehow i wasnt surprised. the only thing we did NOT have in common i have sometimes thought, was the ability to actually carry out that thought. that you actually listened to “that ugly voice” inside you…especially considering that you had THAT VOICE that would lead almost anyone to doubt that you’d EVER lose that fight. i didn’t think you would. not REALLY. but i’ve seen it take others, and it’ll always be there for most of us. i guess.i just know that i couldn’t have done it. and i’m not mad at you…yet. perhaps that’ll be coming along presently.

love you man.

catch ya on the flip.

Oder der von Michael Beinhorn:

Perhaps I’m late to the party, but Chris’s suicide has put “Superunknown” into a completely new context for me. I was listening to some of the project roughs today and for the first time, what he was singing about hit home with profound finality- so much so that it felt like some unseen, unstoppable force had begun drilling a hole straight through me.

I was obsessed with his lyrics when we were making the record and always suspected that they revealed a great deal more than he wanted anyone to know, but every time I would ask him for insight into what he was trying to say, he would always look at me like I was from Mars and shine me on by saying, ‘They don’t mean anything- they’re just words”. Yeah, right. So- those demons were real, after all.

Depressionen und Suizidgedanken sind nun mal allein schon kein Kinderspiel. Kommen dann noch ein destruktives Musikbusiness und eine – mit Verlaub – merkwürdige Frau und Schwiegermutter dazu, braucht es m.E. gar keine anderen Gründe mehr für einen Selbstmord; so schmerzhaft das auch anscheinend weiterhin für seine Nächsten ist. Es lässt sich nur erahnen, in welchem Ausmaß Chris Cornell in den letzten Jahren eine isolierte Existenz gelebt haben muss und es schaudert mich darüber nachzudenken wie viele der Menschen, denen wir tagtäglich über den Weg laufen, das wohl weiterhin tun. Daraus zu lernen anstelle von Schuld zuzuweisen wäre so wichtig.

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Lieber Chris, danke für die Erinnerung an eins der intimsten Konzerte, die ich je erleben durfte und die unzähligen Momente des Lichts und der Dunkelheit, der Schönheit und des Schmerzes niemand konnte beides gleichzeitig in seiner Musik so ausdrücken wie du. Mir ist bewusst, dass es deine Kunst ohne den täglichen Überlebenskampf deiner Seele nie gegeben hätte. Deshalb bin ich für jede Sekunde dankbar: Für alles, was du mit uns geteilt hast und das, was du mit deinem schier unendlichen Talent und dieser unglaublichen Stimme angestellt hast. Die Welt ohne dich ist nicht mehr dieselbe. Ich vermisse dich. Ich weiß das klingt komisch, wo wir doch nie persönlich gesprochen haben, zeigt aber auch, wie verbunden man sich mit einem Künstler vom anderen Ende der Welt fühlen kann. Ich bin dankbar über Videos wie dieses, weil sie mich jeden Tag an deine Großartigkeit erinnern.

Vielleicht wusstest du für einen Augenblick einfach, dass es nie wieder besser werden würde. Oder du warst sauer auf dich und die Welt und die Umstände passten. Es spielt keine Rolle mehr. Ich hoffe du hast deinen Frieden gefunden, wo immer du jetzt bist…