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Bildungssystem Gesellschaft

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit

Mark Poppenborg von Intrinsify hat vor ein paar Monaten zu einer Contentparade gegen die Unmündigkeitsfantasie in unserer Gesellschaft aufgerufen. Ich bin ihm ausgesprochen dankbar dafür, da mir der Beitrag ermöglichte mein eigenes Verständnis der Begriffe vor dem Hintergrund meiner beruflichen Erfahrung zu schärfen.

In seinem Post [mittlerweile gelöscht, Stand: 16.3.20] moniert Mark völlig zu Recht den „schleichenden Freiheitsentzug“ in der Mehrzahl der uns täglich umgebenden Organisationen. Er reduziere – das steht glaube ich außer Frage – „die Wirtschaftlichkeit in Unternehmen, die Pflegequalität in Krankenhäusern, das Lehrniveau in Schulen“ sowie „das zwischenmenschliche Vertrauen in unserer Gesellschaft“. Im Namen von Intrinsify ruft Poppenborg Interessierte dazu auf, eigene Beispiele „zivilen Ungehorsams“ zu veröffentlichen, bei denen Autorität zu Gunsten eines bewussten Regelbruchs unterlaufen wurde. Hierdurch, so die Hoffnung, ließe sich ein Beitrag leisten um der o.g. Illusion mit Gegenbeispielen aus dem echten Leben zu begegnen.

Unter Infantilisierung verstehe ich das Absprechen von Mündigkeit eines Menschen gegenüber seinem Mitmenschen, also die Annahme, dass der Betreffende nicht (oder noch nicht) in der Lage ist, sich selbst ein Bild von einer Situation zu machen, von sich aus Entscheidungen zu treffen und für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen. Marc Poppenborg sieht diese Art der „Bevormundung“ in vielen unserer Institutionen am Werk, in denen – das ist jetzt ausschließlich meine Interpretation – mit akribisch festgelegten Zuständigkeiten, Regeln und Verboten gearbeitet und hierarchisch gedacht wird, anstatt die Freiheitsräume für die Beteiligten zu öffnen und ‚heterarchisch‘ zu denken.

All das klingt auch erstmal recht einleuchtend, aber ich meine ganz so einfach ist dann es doch nicht.

Auch ich würde bei der Suche nach einer Erklärung für das Unmündigkeitsphänomen den Blick vom Einzelnen auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen richten; die offensichtliche Verschärfung des Problems in den letzten Jahren zeigt ja, dass es sich nicht gerade um eine historische Fußnote handelt. Auf die Frage aber, wieso sich für den überwiegenden Teil von uns die Selbstbestimmung im Täglichen immer schwieriger gestaltet, obwohl die Handlungsspielräume vermeintlich größer sind als je zuvor, wäre meine Antwort: Weil wir alle mit dem Eintritt in die Grundschule erfolgreich einen Prozess durchlaufen, den man, will man bei der ursprünglichen Begrifflichkeit bleiben, als Adultisierung (nicht Infantilisierung!) bezeichnen müsste.

Nicht umsonst endet in Nietzsches Zarathustra die Verwandlung des Geistes mit dem Kind. Weder das sich fügende Kamel, das Althergebrachtes als Bürde trägt, noch der Löwe, der sich auflehnt und seine Fesseln sprengt, reichen in Nietzsches Fabel aus, um wirklich Neues zu erschaffen. Dazu bedarf es erst der Unvoreingenommenheit und Konstruktivität des Kindes:

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Adultisierung meint die systematische Austreibung eben dieses Zustands durch die uns umgebenden Institutionen – an erster Stelle, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen: das Bildungssystem. Am Ende steht der erfolgreich trivialisierte und funktionalisierte ‚Erwachsene‘, der der Gesellschaft so wenig Probleme wie möglich bereitet. Er hat sich daran gewöhnt und die Vorteile zu schätzen gelernt – da bin ich ganz bei Poppenborg – Freiheit nicht als Chance, sondern Bedrohung zu sehen und Verantwortung dem System zuzurechnen, in dem er oder sie ohnehin nur ein kleines, austauschbares Rädchen ist. In diesem Sinne ist das Kindliche der größte Feind der Erwachsenenwelt, weshalb es keinen Sinn macht von einem Prozess der Infantilisierung zu sprechen.

Schließlich heißt es bei Mark: „Überall dort, wo Systeme dem fatalen Hang zum Autoritären folgen, ist ständiger ziviler Ungehorsam der Schmierstoff, der das Rad am Laufen hält.“ Aber auch das sehe ich anders*. Jeder Mitarbeiter, der sich die Freiheit nimmt Entscheidungen zu treffen, die unkonventionell und zielführend sind, aber dem Interesse von oben entgegenlaufen und die die Führung nicht ignorieren kann (oder will), bringt das Rad ins Stocken. Und auch die Hoffnung, bewusste Abweichungen könnten zum Anlass genommen werden um über Veränderungen allgemeiner Art nachzudenken, wird enttäuscht. Die Zuschreibung der Verantwortung auf eine bestimmte Person entlastet die Organisation einfach zu sehr von der aufreibenden Suche nach anderen Ursachen. Üblicherweise verhärten sich die Fronten und die Auseinandersetzung resultiert in stromlinienförmigem Dienst nach Vorschrift, der populärsten Streikmethode. Das hat damit zu tun, dass Autorität nicht Verantwortung entzieht – für oder gegen sie kann sich nur der Handelnde selbst entscheiden – sondern Freiheit. Sind einem als Handelnder aber erstmal dauerhaft die Spielräume genommen und werden Zuwiderhandlungen sanktioniert, wer entscheidet sich dann noch dafür im Gespräch zu bleiben? In diesem Fall bleiben nur zwei Möglichkeiten: Ein gerade eben notwendiges Maß an Anpassung, oder den Hut nehmen.

*Falls natürlich die von Luhmann (1964) et al. vertretene Auffassung gemeint ist, dass Organisationen nur deshalb reibungslos funktionieren, weil in ihnen fortlaufend gegen formale Regeln verstoßen wird („funktionale Regelverstöße“), ist dem zuzustimmen.

 
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Digitalisierung Gesellschaft

Das Ende des freien Internets

Man mag über Jean Baudrillard denken, was man will, aber auf einem Auge hat er ziemlich klar gesehen. Seine Diagnose der „Sättigung des Systems“, die früher oder später alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt, lässt sich derzeit am Beispiel des Internets wunderbar beobachten. Auf jede Liberalisierung reagiert das System seinerseits mit Regulation. Im konkreten Fall hat das, was einst als Versprechen, ja Verheißung: Web 2.0 – Das Mitmach-Internet seinen Anfang nahm, nun tatsächlich seine letzte Ruhestätte in einer „Beschleunigung im Leeren“ gefunden. Schuld daran sind natürlich die Heerscharen von Kanzleien, Konzernen und Start-Ups, die in den letzten Jahren wie Heuschrecken über das Internet hergefallen sind. Schließlich galt es das Urheberrecht zu schützen, Mobilität, Information und Vernetzung zu ermöglichen… Und jetzt? Diskutieren wir über Uploadfilter und Microtargeting 😦

DLF Zeitenwende – Das Ende des Internets, wie wir es kennen

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Gesellschaft Krankheit

Ein Fehler im System

Es ist schon erstaunlich: Immer wenn in den Leitmedien eine Meldung auftaucht, die auf ein grundlegendes und offensichtliches Defizit unserer Gesellschaft hinweist, meldet sich bald ein so genannter „Experte“ zu Wort und relativiert das Ganze.

Bei einer Studie, die jedes Jahr und auch 2016 zum gleichen Ergebnis kommt, ist mir das jetzt besonders aufgefallen:

3.8.16  DAK-Studie: Krankschreibungen deutscher Arbeitnehmer erreichen neuen Höhepunkt

Und hier der Experte:

Dr. med. Hans-Peter Unger vom Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg (nimmt Bezug auf die Studie von 2015)

DAK-Report: Steigende Zahlen gar nicht bewiesen?

[P]arallel zur Zunahme der Fehltage durch psychische Erkrankungen sank die Zahl der Ausfalltage durch Kreislaufprobleme, Verdauungsbeschwerden oder Rückenschmerzen. Alle diese Krankheiten sind typische Begleiterscheinungen von psychischen Problemen. Es gebe also keine generelle Zunahme, sondern eine Verschiebung, meint Unger.

Ist der Mann wirklich Mediziner?

Dann sollte er wissen, dass – auch wenn die Unterscheidung nicht leicht fällt – im Falle einer Diagnose „Psychische Erkrankung“ zu körperlichen Beschwerden psychische Beeinträchtigungen hinzukommen müssen:

Eine psychische oder seelische Störung ist eine krankhafte Beeinträchtigung der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens, Verhaltens und der Erlebnisverarbeitung oder der sozialen Beziehungen. Es gehört zum Wesen dieser Störungen, dass sie der willentlichen Steuerung durch den Patienten nicht mehr oder nur zum Teil zugänglich sind.

Oder will er behaupten, dass 90% der niedergelassenen Ärzte ihren Job nicht richtig machen?…

Wie dem auch sei. Ich würde der Verharmlosung dieses drängenden sozialen Problems gerne mehrere Positionen aus unterschiedlichen Zeiten entgegenhalten:

FAZ – Schüler in der Optimierungsfalle

DIE ZEIT: „Wer nichts leistet, hat verloren“

Prof. Theo Wehner – Macht das Grundeinkommen faul?