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Bildungssystem Gesellschaft

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit

Mark Poppenborg von Intrinsify hat vor ein paar Monaten zu einer Contentparade gegen die Unmündigkeitsfantasie in unserer Gesellschaft aufgerufen. Ich bin ihm ausgesprochen dankbar dafür, da mir der Beitrag ermöglichte mein eigenes Verständnis der Begriffe vor dem Hintergrund meiner beruflichen Erfahrung zu schärfen.

In seinem Post [mittlerweile gelöscht, Stand: 16.3.20] moniert Mark völlig zu Recht den „schleichenden Freiheitsentzug“ in der Mehrzahl der uns täglich umgebenden Organisationen. Er reduziere – das steht glaube ich außer Frage – „die Wirtschaftlichkeit in Unternehmen, die Pflegequalität in Krankenhäusern, das Lehrniveau in Schulen“ sowie „das zwischenmenschliche Vertrauen in unserer Gesellschaft“. Im Namen von Intrinsify ruft Poppenborg Interessierte dazu auf, eigene Beispiele „zivilen Ungehorsams“ zu veröffentlichen, bei denen Autorität zu Gunsten eines bewussten Regelbruchs unterlaufen wurde. Hierdurch, so die Hoffnung, ließe sich ein Beitrag leisten um der o.g. Illusion mit Gegenbeispielen aus dem echten Leben zu begegnen.

Unter Infantilisierung verstehe ich das Absprechen von Mündigkeit eines Menschen gegenüber seinem Mitmenschen, also die Annahme, dass der Betreffende nicht (oder noch nicht) in der Lage ist, sich selbst ein Bild von einer Situation zu machen, von sich aus Entscheidungen zu treffen und für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen. Marc Poppenborg sieht diese Art der „Bevormundung“ in vielen unserer Institutionen am Werk, in denen – das ist jetzt ausschließlich meine Interpretation – mit akribisch festgelegten Zuständigkeiten, Regeln und Verboten gearbeitet und hierarchisch gedacht wird, anstatt die Freiheitsräume für die Beteiligten zu öffnen und ‚heterarchisch‘ zu denken.

All das klingt auch erstmal recht einleuchtend, aber ich meine ganz so einfach ist dann es doch nicht.

Auch ich würde bei der Suche nach einer Erklärung für das Unmündigkeitsphänomen den Blick vom Einzelnen auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen richten; die offensichtliche Verschärfung des Problems in den letzten Jahren zeigt ja, dass es sich nicht gerade um eine historische Fußnote handelt. Auf die Frage aber, wieso sich für den überwiegenden Teil von uns die Selbstbestimmung im Täglichen immer schwieriger gestaltet, obwohl die Handlungsspielräume vermeintlich größer sind als je zuvor, wäre meine Antwort: Weil wir alle mit dem Eintritt in die Grundschule erfolgreich einen Prozess durchlaufen, den man, will man bei der ursprünglichen Begrifflichkeit bleiben, als Adultisierung (nicht Infantilisierung!) bezeichnen müsste.

Nicht umsonst endet in Nietzsches Zarathustra die Verwandlung des Geistes mit dem Kind. Weder das sich fügende Kamel, das Althergebrachtes als Bürde trägt, noch der Löwe, der sich auflehnt und seine Fesseln sprengt, reichen in Nietzsches Fabel aus, um wirklich Neues zu erschaffen. Dazu bedarf es erst der Unvoreingenommenheit und Konstruktivität des Kindes:

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Adultisierung meint die systematische Austreibung eben dieses Zustands durch die uns umgebenden Institutionen – an erster Stelle, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen: das Bildungssystem. Am Ende steht der erfolgreich trivialisierte und funktionalisierte ‚Erwachsene‘, der der Gesellschaft so wenig Probleme wie möglich bereitet. Er hat sich daran gewöhnt und die Vorteile zu schätzen gelernt – da bin ich ganz bei Poppenborg – Freiheit nicht als Chance, sondern Bedrohung zu sehen und Verantwortung dem System zuzurechnen, in dem er oder sie ohnehin nur ein kleines, austauschbares Rädchen ist. In diesem Sinne ist das Kindliche der größte Feind der Erwachsenenwelt, weshalb es keinen Sinn macht von einem Prozess der Infantilisierung zu sprechen.

Schließlich heißt es bei Mark: „Überall dort, wo Systeme dem fatalen Hang zum Autoritären folgen, ist ständiger ziviler Ungehorsam der Schmierstoff, der das Rad am Laufen hält.“ Aber auch das sehe ich anders*. Jeder Mitarbeiter, der sich die Freiheit nimmt Entscheidungen zu treffen, die unkonventionell und zielführend sind, aber dem Interesse von oben entgegenlaufen und die die Führung nicht ignorieren kann (oder will), bringt das Rad ins Stocken. Und auch die Hoffnung, bewusste Abweichungen könnten zum Anlass genommen werden um über Veränderungen allgemeiner Art nachzudenken, wird enttäuscht. Die Zuschreibung der Verantwortung auf eine bestimmte Person entlastet die Organisation einfach zu sehr von der aufreibenden Suche nach anderen Ursachen. Üblicherweise verhärten sich die Fronten und die Auseinandersetzung resultiert in stromlinienförmigem Dienst nach Vorschrift, der populärsten Streikmethode. Das hat damit zu tun, dass Autorität nicht Verantwortung entzieht – für oder gegen sie kann sich nur der Handelnde selbst entscheiden – sondern Freiheit. Sind einem als Handelnder aber erstmal dauerhaft die Spielräume genommen und werden Zuwiderhandlungen sanktioniert, wer entscheidet sich dann noch dafür im Gespräch zu bleiben? In diesem Fall bleiben nur zwei Möglichkeiten: Ein gerade eben notwendiges Maß an Anpassung, oder den Hut nehmen.

*Falls natürlich die von Luhmann (1964) et al. vertretene Auffassung gemeint ist, dass Organisationen nur deshalb reibungslos funktionieren, weil in ihnen fortlaufend gegen formale Regeln verstoßen wird („funktionale Regelverstöße“), stimme ich zu.

 
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Sinn Utopie

Der Traum von einer drogenfreien Welt

Die Drogenfrage als Sinnfrage

Beitrag im Rahmen des 13. Essay-Wettbewerbs von „Der Bund“ (Bern/Schweiz)  »Der Traum von einer drogenfreien Welt – ein schlechter Trip?«

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Sterbehilfe Tod

Gus und das gute Ende

Es gibt Dinge, über die denkt keiner von uns gerne nach. Den nächsten Zahnarztbesuch zum Beispiel. Einen Freund, der sich nicht mehr meldet oder einen zweistelligen Kontostand. Und dann gibt es Dinge, über die einige sehr viel nachdenken, andere so gut wie gar nicht oder erst wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt.

Wie den eigenen Tod.

Als Normalsterbliche (ha!) sind wir für gewöhnlich nicht jederzeit bereit zu gehen und trösten uns mit dem Gedanken, dass die massive Verdrängung auch etwas Gutes hat. So können wir uns ganz auf das Leben, das Gegenteil, konzentrieren. (Was natürlich Quatsch ist.)

Als kleiner Junge habe ich viel über den Tod nachgedacht. Das erste Mal als ich verstand, dass alles auf der Welt endet. Später weil ich Angst um meine Oma hatte, die zu der Zeit merklich abbaute. Damals hatte ich einen wiederkehrenden Traum, in dem ich mit ihr bei einem Bombenangriff durch die Stadt irrte und vergeblich Schutz suchte.

Während des Studiums war das für mich kein Thema, was rückblickend überrascht, da mir zu dieser Zeit nicht nur die Großeltern, sondern auch die wichtigsten Freundschaften buchstäblich „wegstarben“.

Seit einiger Zeit merke ich, dass Vergänglichkeit wieder zum Thema wird – auch wenn es mich verblüfft, wie ausführlich sich andere (Schriftsteller, Philosophen) z.T. damit auseinandersetzen. Das mag zum einen daran liegen, dass mir Bertrand Russells Feststellung

Ich glaube, dass ich verwesen werde, wenn ich sterbe, und dass nichts von meinem Ego übrig bleibt. […] Das Glück ist wahr, auch dann, wenn es ein Ende finden muss, und auch das Denken und die Liebe verlieren nicht ihren Wert, weil sie nicht ewig währen.

so aus dem Herzen spricht.

Anscheinend sehe ich aber auch die zwingenden Konsequenzen, die sich aus der Haltung gegenüber dem einen in Bezug auf das andere ergeben sollen, nicht so klar wie andere. Sicher, wir alle sind bereits vom Moment der Geburt an „des Todes“ und Demut gegenüber dem Leben führt mit Sicherheit zu einem entspannteren Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit. Davon abgesehen aber bereiten mir Krankheiten und das damit verbundene Leid mehr Kopfzerbrechen als der Tod selbst – oder was in aller Welt wohl danach geschehen mag.

Vor dem Hintergrund dieser und ähnlicher Fragen hat mich eine aktuelle Doku tief berührt und ich möchte gerne an dieser Stelle gerne ein paar Schlüsselszenen teilen. Louis Theroux hat ja die besondere Gabe seine Zuschauer alles was er erlebt so erfahren zu lassen, als sei man tatsächlich dabei. Im Fall des krebskranken Sterbehilfe-Befürworters Gus aus Kalifornien ist das allerdings besonders beeindruckend gelungen.

Gus ist zu beneiden. Ganz sicher nicht um den Krebs, dafür aber um die Freiheit, selbst in Abstimmung mit seiner Frau den Beginn und die Art seiner letzten Reise wählen zu können und vor allem in Gesellschaft seiner wunderbaren Familie Abschied nehmen zu dürfen.

Kann es etwas Menschlicheres, weil gleichzeitig unendlich schrecklich und unendlich schön, geben? Ich glaube nicht.

So viel Liebe. 🙂 (Seufz.)

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Erkenntnistheorie

Über die Vorzüge einer Theorie des Beobachters

Kritische Betrachtungen des Konstruktivismus halten sich meist ausführlich mit dem Wahrheitsbegriff auf, was einerseits verständlich ist, weil es nahe liegt, andererseits aber auch schade, weil dadurch m.E. die eigentlich wichtigen Fragen in den Hintergrund rücken. Sicher mag es für den Wissenschaftsbetrieb – sowie im weiteren Sinne auch für seine Lehre – wichtig sein, über eine „harten“ Wahrheitsbegriff zu verfügen und ebenso sollten empirische Untersuchungen klaren Richtlinien der Durchführung genügen. Auf vernünftig gemessene ökologische Belastungswerte bspw. sollte man sich verlassen können. Dasselbe gilt für Urteile im Strafrecht u.ä.

Andererseits gehört es ja gerade zur Eigenlogik des Wissenschaftsbetriebs, dass bestimmte Forschungsrichtungen/-ergebnisse erwünschter und förderungswürdiger sind als andere. Das musste auch Humberto Maturana, auf den sich das Gros der ernst zunehmenden Konstruktivisten beruft, selbst am MIT erfahren. Die operationale Geschlossenheit des Nervensystems bei gleichzeitiger Offenheit für Störungen von außen z.B. ist mittlerweile empirisch überzeugend belegt. In diesen und ähnlichen Fällen stellt sich der Wissenschaftsbetrieb selbst als unvermögend dar, Ergebnisse entsprechend zu berücksichtigen und/oder kohärent in die allgemeine Forschung zu integrieren.

Darüber hinaus muss man sich klarmachen, dass es, entgegen der gängigen Intuition, ja die soft sciences sind, die es, im Gegensatz zu den hard sciences, mit den eigentlich harten Fragen (weil: unentscheidbar) zu tun haben. Mit welchem Ethos ein Wissenschaftler seine Forschung oder ein Manager seine Geschäfte betreibt, entscheidet somit grundlegender über die Ergebnisse der Arbeit als andere Dinge.

Vor diesem Hintergrund ist Karl Poppers Aussage, dass solche Überlegungen „von den eigentlich wichtigen Fragen wegführen“ m.E. mit Vorsicht zu genießen. Wo in aller Welt soll denn der beobachterunabhängige Bezugspunkt sein, auf den man trotz aller Beteuerungen niemand habe „die Wahrheit in der Tasche“ stillschweigend doch nicht verzichten kann (oder will)? Ohne Beobachterunabhängigkeit aber sind Wahrheit und Objektivität nicht zu haben.

Welche Vorteile, wird jetzt vielleicht der ein oder andere denken, hat denn eine Beschäftigung mit einer Theorie von Beobachtern, bei der sich das Gesagte nicht vom Sprecher trennen lässt, im Gegensatz zur klassisch-wissenschaftlichen Trennung von Subjekt und Objekt? Ich meine, gleich eine ganze Reihe.

Zunächst mal wendet man sich von der Erforschung einer vermeintlichen äußeren Realität, die „ist, wie sie ist“, hin zur Beschäftigung mit der Frage, wie Wirklichkeit im Kopf des Betrachters entsteht, wie eine Gesellschaft mit verschiedenen Realitätskonstruktionen umgeht und dennoch zielführend handeln kann. Alles wird in erster Linie eine Frage der Sprache und der Kommunikation. Die tägliche Erfahrung, dass nicht alle so denken wie man selbst, erschüttert einen nicht mehr. Man kann sich, ohne ständig darüber in Streit zu geraten welches Denken das „richtige“ ist, ob die Dinge wirklich so oder anders „sind“, gemeinsam mit anderen auf den Weg der Kollaboration machen. Die ethische Einsicht, dass ich selbst verantwortlich für das bin, was ich sage, aber nicht für das, was mein Gegenüber versteht, trägt zu einer unverkrampften Haltung angesichts sozialer Konflikte und ihrer Lösung bei.

Massenmediale Erregungsspitzen und Moralisierungswellen erzeugen Gelassenheit, da jeder zu allererst einmal über „sich selbst“ redet. In Fragen der Bildung und Erziehung wendet sich der Blick endgültig vom Lehren hin zum Lernen. In Medizin und Psychotherapie steht das Lebewesen im Mittelpunkt, welches, auch wenn seine innere Balance verloren geht und es leidet, weiterhin nach der Erhaltung seines Wohlbefindens strebt. Vor dem Hintergrund, dass es sich selbst bewahren und gleichzeitig den Veränderungen der Umwelt anpassen muss wird das Ziel sein, den Bereich, der aus dem Gleichgewicht gekommen ist, ausfindig zu machen und dem Betroffenen zu helfen, sich selbst zu heilen. Schließlich geht bei dieser Art die Welt zu betrachten noch nicht einmal die Außenwelt verloren. Der Beziehung zu ihr kann sich der Beobachter jederzeit durch seine Operationen versichern. Einzig die sinnvolle Übereinstimmung zwischen ihnen wird bestritten. Für den Beobachter gibt es schlicht kein Innen und Außen.

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Musik

In der Not frisst der Teufel Fliegen

Wer mich näher kennt weiß, dass ich schon während meiner Schulzeit und auch im Studium viel Musik gemacht habe. Eines der Alben, das dabei zusammen mit meinem Freund Tim Neuhaus entstanden ist, ist jetzt – zum 15-jährigen Jubiläum – auf Bandcamp neu als Download erschienen. Hört doch mal rein und sagt es gerne weiter! Wir freuen uns über jede Rückmeldung 🙂

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Technik Zukunft

Money to Burn

WDR 5 Satire – Das Ende des Bargelds

Ich muss gestehen, die Vorstellung nie wieder fluchend und ohne passendes Wechselgeld vor dem Parkautomaten oder der Bäckersfrau zu stehen, reizt mich ja schon ein bisschen. Aber das Bargeld deshalb gleich komplett abschaffen? Was das angeht bin ich ziemlich nostalgisch. Jedenfalls tauchen sofort ein paar Kindheitserinnerungen vor meinem inneren Auge auf: Mein Vater, wie er vor der Eisdiele ein Restmünzen-Potpourri aus seiner Tasche kramt. Oder die Jukebox-Szene in Smooth Criminal. Ohne Kleingeld? Witzlos. Auch vieles Alltägliche stelle ich mir wenig romantisch vor, sollte die letzte Bastion des „Sozialen“ komplett der virtual reality anheim fallen: Zwei Euro für den Straßenmusiker per Fingerabdruck? Das Sparschwein des Sohns mit dem Smartphone füttern?

Wir sollten schon aufpassen, dass unser Leben nicht immer nur flacher und eindimensionaler wird…

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Digitalisierung Gesellschaft

Das Ende des freien Internets

Man mag über Jean Baudrillard denken, was man will, aber auf einem Auge hat er ziemlich klar gesehen. Seine Diagnose der „Sättigung des Systems“, die früher oder später alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt, lässt sich derzeit am Beispiel des Internets wunderbar beobachten. Auf jede Liberalisierung reagiert das System seinerseits mit Regulation. Im konkreten Fall hat das, was einst als Versprechen, ja Verheißung: Web 2.0 – Das Mitmach-Internet seinen Anfang nahm, nun tatsächlich seine letzte Ruhestätte in einer „Beschleunigung im Leeren“ gefunden. Schuld daran sind natürlich die Heerscharen von Kanzleien, Konzernen und Start-Ups, die in den letzten Jahren wie Heuschrecken über das Internet hergefallen sind. Schließlich galt es das Urheberrecht zu schützen, Mobilität, Information und Vernetzung zu ermöglichen… Und jetzt? Diskutieren wir über Uploadfilter und Microtargeting 😦

DLF Zeitenwende – Das Ende des Internets, wie wir es kennen

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Erziehung

Schnall dich an, sonst stirbt ein Einhorn!

2014 verursachte der frischgebackene Papst ja einigen Wirbel, als er bei einem Gespräch mit Eltern beiläufig bemerkte, ein ,Klaps auf den Po‘ habe noch niemandem geschadet. Im Gegenteil, er könne sogar ein adäquates Mittel der Zurechtweisung sein.

Tja, was darf Erziehung?… Vor allem sich selbst weniger ernst nehmen! Zumindest, wenn sie so unterhaltsam daherkommt wie bei Familie Weiler 😉

Lieber Jan,  sicher könnte man auch manches bei uns „arglistige Täuschung“ nennen. Man könnte aber auch sagen, dass Eltern schon immer und in jeder Kultur in erzieherischer Absicht Geschichten erzählt haben. Oder dass die Gebrüder Grimm und Max & Moritz auch nicht gerade ohne sind.

 

 

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Familie

Liebende bleiben

Wie trifft man als Familie eine Entscheidung, wenn verschiedene (berechtige) Bedürfnisse zueinander im Widerspruch stehen? Was ich meine sind Situationen, in denen es unmöglich ist, zwei Wege gleichzeitig zu beschreiten und deshalb einem von beiden der Vorzug gegeben werden muss. Ich finde das ist schon allgemein eine unheimlich spannende Frage. Und wie es der Zufall will, beschreibt ein Paar im aktuellen Buch des Familientherapeuten Jesper Juul genau das Dilemma, das bei uns im letzten Jahr so oft Thema war. Abgesehen davon, dass es natürlich Balsam für die geschundene Seele ist zu sehen, dass andere mit den gleichen Problemen wie man selbst zu kämpfen haben, spricht mir Juuls Vorschlag, den Tatsachen Vorrang vor der Weltanschauung zu geben, einfach aus dem Herzen.

Yvonne: Okay… Können wir vielleicht auch noch mal über eine konkrete Situation sprechen? Also morgens haben wir immer Stress. Wenn es darum geht, aus dem Haus zu kommen.

Tobias: Ja. Ich nehme Lara mit und fahre sie vor der Arbeit in den Kindergarten. Ich muss bis spätestens halb neun bei meiner Arbeitsstelle sein. Und oft, wenn wir eigentlich schon los müssen, fängt sie noch mal an zu spielen, und dann sage ich: »So, jetzt hör auf zu spielen, wir müssen los.«

Yvonne: »…oder ich gehe allein.«

Tobias: Genau. Oder ich gehe dann allein. Ich kann meinem Chef ja nicht sagen, nur weil das Kind nicht fertig wird, komme ich eine Stunde später. Das geht nun mal nicht. Und dann entsteht Stress, klar, hauptsächlich für Yvonne…

Yvonne: Klar, dann stehe ich da mit dem Kind! Dann muss ich alles neu planen und muss sie in den Kindergarten bringen. Mit Ben. Tobias löst den Konflikt dann für sich und auf seine Art, aber ich muss die Konsequenz tragen.

Jesper: Und wie oft ist das passiert?

Yvonne: Es ist noch nie passiert. Oder ganz selten, ich weiß es gerade nicht mehr.

Jesper: Okay. Weil, das ist ein interessanter Unterschied zwischen Männern und Frauen… Du erlebst das als eine Drohung.

Yvonne: Ja…

Jesper: Aber das ist es nicht, das ist nur eine Tatsache. Es ist tatsächlich so: »Wenn du nicht fertig bist, dann fahre ich.«

Tobias: Es ist schon mal vorgekommen, dass ich allein losgefahren bin. Ja, so ist das dann.

Jesper: Ja! So ist es. Das meine ich. Anders kann man es zum Beispiel in Supermärkten beobachten, wenn ein Kind irgendetwas entdeckt hat, die Mutter aber weitergehen möchte und sagt: »Komm mit.« – »Nein, ich will hier sein, ich will hier spielen«, sagt das Kind dann vielleicht. Und die Mutter erwidert: »Dann gehe ich allein.« – »Okay«, sagt das Kind. – Dann geht die Mutter vielleicht fünf Meter, schafft es aber nicht, weiterzugehen und das Kind allein in dem Supermarktgang zu lassen, kommt zurück und sagt: »Komm jetzt mit.« Und das Kind fragt: »Oder?« – »Ja, dann geh ich wirklich allein. Und dann kannst du ja sehen, wie das ist, dann bist du ja auch allein«, sagt die Mutter dann verärgert. Und das ist dann mit Drohen verbunden, das ist Manipulation.

Yvonne: Okay, so etwas haben wir auch.

Jesper: Ja, aber hier, in diesem Fall, steht der Papi da und sagt: »So ist die Welt.« Das wollte ich nur sagen. Es geht nicht um Erziehung. Es geht nicht um Unterschiede, es geht darum, dass dein Mann die Tatsachen vorstellt: »Es ist tatsächlich so, ich muss rechtzeitig auf meiner Arbeit sein, und wenn du nicht mitmachst, dann muss ich allein fahren.«

Yvonne: Okay, Drohung ist dann, wir fahren auf der Autobahn, und das Kind tritt von hinten gegen die Sitze, und Tobias sagt wütend: »Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann fahre ich an die nächste Raststätte, und da bleibst du stehen.« Das hatten wir auch schon. Ist natürlich auch noch nie passiert. Weil ich ja mit im Auto sitze. (Yvonne lacht.)

Jesper: (Jesper lacht auch.) Der Rettungsdienst. Auf der Autobahn.

Yvonne: Ich weiß nicht, ob es passieren würde, wenn ich nicht dabei sein würde. Wahrscheinlich nicht, aber…

Jesper: Okay. Ich glaube, du kannst deiner Frau sagen: »Es geht nicht um Erziehungsphilosophie«, wenn du so etwas sagst.

Tobias: Ja, es geht einfach nur darum: Jetzt muss Ruhe sein, weil sonst passiert noch ein Unfall. Und das Auto ist ja kein Spielplatz.

Und dann noch diese wunderbaren Gedanken zu Erwartung und Verantwortung:

Bleibt man aber in seine Erwartungen verstrickt, sieht also nicht den Partner oder das Kind, sondern nur das Wunschbild, das man vom anderen hat, dann muss man zwangsläufig enttäuscht werden. Denn nur selten wird der andere dem Bild in uns entsprechen – er ist, wie er ist. Wird nun die Erwartung nicht erfüllt, gibt man meist gern dem anderen die Schuld. »Immer lässt du mich alles allein machen.« Doch für unsere Erwartungen sind wir selbst verantwortlich – nicht der Partner und nicht die Kinder: Ich bin verantwortlich. Wenn ich erwarte, dass meine Frau dies und jenes tun soll, dann muss ich mit ihr reden und sagen: »Das erwarte ich.« Und meine Frau kann sagen: »Hm, viel Glück!«, oder: »Mache ich aber nicht.«, oder: »Ja, meine ich auch.« Und dann werden wir sehen.

Diese Verantwortung für seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu übernehmen ist besonders wichtig, wenn man Familie wird. Unsere Erwartungen täuschen uns bloß, und die Enttäuschung über den anderen – das Kind oder den Partner – macht im Grunde nur spürbar, dass der andere unserem Wunschdenken nicht entspricht.

Also hören wir doch besser auf, unsere Beziehungen durch unausgesprochene Erwartungen zu vergiften. Besonders die zu unserem Partner oder der Partnerin. Unsere Mitmenschen so zu nehmen, wie sie sind, ist aber vielleicht das Schwierigste auf der Welt. Kinder können das. Sie sind uns darin Vorbilder. (…)

So kam vor Kurzem eine schwedische Familie zu mir in die Beratung, deren Tochter zweieinhalb war und bis zu diesem Tag noch kein Wort gesprochen hatte. Kein einziges Wort. Und alle haben versucht – also nicht nur Eltern, auch die Erzieher und eine Logopädin, die armen Kinder müssen heutzutage ja immer gleich in Therapie, wenn etwas nicht nach der Norm abläuft – also alle haben versucht, das Kind zum Sprechen zu bewegen. Während ich mich nun mit den Eltern austauschte und nachfragte, hörte das Mädchen aufmerksam zu. Ich habe die Eltern zum Schluss des Gesprächs gefragt: »Was wollt ihr denn gern von ihr hören?« Sie zögerten und sagten dann: »Ja, wissen wir nicht.« Und als wir uns verabschiedeten, kam die Kleine zu mir und sagte laut und deutlich: »Tschüss!« Die Eltern standen fast unter Schock, weil sie zum ersten Mal ihre Tochter hatten sprechen hören. Und sie schauten mich an, als wollten sie fragen: Warum spricht sie mit dir, Jesper, aber nicht mit uns? Na, für dieses Mädchen war klar, dass ich keine Erwartungen hatte. Ich hatte ihr vermittelt: »Wenn du reden möchtest, dann bist du herzlich willkommen, wenn nicht, dann bist du genauso herzlich willkommen.«

aus: Juul, Jesper. Liebende bleiben. Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken. Weinheim: Beltz, 2017. 23-26, 60-62.

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Schule Ziffernnoten

Ist das Politik oder kann das weg?

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