Zu den Vorzügen einer Theorie des Beobachters

Kritische Betrachtungen des Konstruktivismus halten sich meist ausführlich mit dem Wahrheitsbegriff auf, was einerseits verständlich ist, weil es nahe liegt, andererseits aber auch schade, weil dadurch m.E. die eigentlich wichtigen Fragen in den Hintergrund rücken. Sicher mag es für den Wissenschaftsbetrieb – sowie im weiteren Sinne auch für seine Lehre – wichtig sein, über eine „harten“ Wahrheitsbegriff zu verfügen und ebenso sollten empirische Untersuchungen klaren Richtlinien der Durchführung genügen. Auf vernünftig gemessene ökologische Belastungswerte bspw. sollte man sich verlassen können. Dasselbe gilt für Urteile im Strafrecht u.ä.

Andererseits gehört es ja gerade zur Eigenlogik des Wissenschaftsbetriebs, dass bestimmte Forschungsrichtungen/-ergebnisse erwünschter und förderungswürdiger sind als andere. Das musste auch Humberto Maturana, auf den sich das Gros der ernst zunehmenden Konstruktivisten beruft, selbst am MIT erfahren. Die operationale Geschlossenheit des Nervensystems bei gleichzeitiger Offenheit für Störungen von außen z.B. ist mittlerweile empirisch überzeugend belegt. In diesen und ähnlichen Fällen stellt sich der Wissenschaftsbetrieb selbst als unvermögend dar, Ergebnisse entsprechend zu berücksichtigen und/oder kohärent in die allgemeine Forschung zu integrieren.

Darüber hinaus muss man sich klarmachen, dass es, entgegen der gängigen Intuition, ja die soft sciences sind, die es, im Gegensatz zu den hard sciences, mit den eigentlich harten Fragen (weil: unentscheidbar) zu tun haben. Mit welchem Ethos ein Wissenschaftler seine Forschung oder ein Manager seine Geschäfte betreibt, entscheidet somit grundlegender über die Ergebnisse der Arbeit als andere Dinge.

Vor diesem Hintergrund ist Karl Poppers Aussage, dass solche Überlegungen „von den eigentlich wichtigen Fragen wegführen“ m.E. mit Vorsicht zu genießen. Wo in aller Welt soll denn der beobachterunabhängige Bezugspunkt sein, auf den man trotz aller Beteuerungen niemand habe „die Wahrheit in der Tasche“ stillschweigend doch nicht verzichten kann (oder will)? Ohne Beobachterunabhängigkeit aber sind Wahrheit und Objektivität nicht zu haben.

Welche Vorteile, wird jetzt vielleicht der ein oder andere denken, hat denn eine Beschäftigung mit einer Theorie von Beobachtern, bei der sich das Gesagte nicht vom Sprecher trennen lässt, im Gegensatz zur klassisch-wissenschaftlichen Trennung von Subjekt und Objekt? Ich meine, gleich eine ganze Reihe.

Zunächst mal wendet man sich von der Erforschung einer vermeintlichen äußeren Realität, die „ist, wie sie ist“, hin zur Beschäftigung mit der Frage, wie Wirklichkeit im Kopf des Betrachters entsteht, wie eine Gesellschaft mit verschiedenen Realitätskonstruktionen umgeht und dennoch zielführend handeln kann. Alles wird in erster Linie eine Frage der Sprache und der Kommunikation. Die tägliche Erfahrung, dass nicht alle so denken wie man selbst, erschüttert einen nicht mehr. Man kann sich, ohne ständig darüber in Streit zu geraten welches Denken das „richtige“ ist, ob die Dinge wirklich so oder anders „sind“, gemeinsam mit anderen auf den Weg der Kollaboration machen. Die ethische Einsicht, dass ich selbst verantwortlich für das bin, was ich sage, aber nicht für das, was mein Gegenüber versteht, trägt zu einer unverkrampften Haltung angesichts sozialer Konflikte und ihrer Lösung bei.

Massenmediale Erregungsspitzen und Moralisierungswellen erzeugen Gelassenheit, da jeder zu allererst einmal über „sich selbst“ redet. In Fragen der Bildung und Erziehung wendet sich der Blick endgültig vom Lehren hin zum Lernen. In Medizin und Psychotherapie steht das Lebewesen im Mittelpunkt, welches, auch wenn seine innere Balance verloren geht und es leidet, weiterhin nach der Erhaltung seines Wohlbefindens strebt. Vor dem Hintergrund, dass es sich selbst bewahren und gleichzeitig den Veränderungen der Umwelt anpassen muss wird das Ziel sein, den Bereich, der aus dem Gleichgewicht gekommen ist, ausfindig zu machen und dem Betroffenen zu helfen, sich selbst zu heilen. Schließlich geht bei dieser Art die Welt zu betrachten noch nicht einmal die Außenwelt verloren. Der Beziehung zu ihr kann sich der Beobachter jederzeit durch seine Operationen versichern. Einzig die sinnvolle Übereinstimmung zwischen ihnen wird bestritten. Für den Beobachter gibt es schlicht kein Innen und Außen.

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