Liebende bleiben

Wie trifft man als Familie eine Entscheidung, wenn verschiedene (berechtige) Bedürfnisse zueinander im Widerspruch stehen? Was ich meine sind Situationen, in denen es unmöglich ist, zwei Wege gleichzeitig zu beschreiten und deshalb einem von beiden der Vorzug gegeben werden muss. Ich finde das ist schon allgemein eine unheimlich spannende Frage. Und wie es der Zufall will, beschreibt ein Paar im aktuellen Buch des Familientherapeuten Jesper Juul genau das Dilemma, das bei uns im letzten Jahr so oft Thema war. Abgesehen davon, dass es natürlich Balsam für die geschundene Seele ist zu sehen, dass andere mit den gleichen Problemen wie man selbst zu kämpfen haben, spricht mir Juuls Vorschlag, den Tatsachen Vorrang vor der Weltanschauung zu geben, einfach aus dem Herzen.

Yvonne: Okay… Können wir vielleicht auch noch mal über eine konkrete Situation sprechen? Also morgens haben wir immer Stress. Wenn es darum geht, aus dem Haus zu kommen.

Tobias: Ja. Ich nehme Lara mit und fahre sie vor der Arbeit in den Kindergarten. Ich muss bis spätestens halb neun bei meiner Arbeitsstelle sein. Und oft, wenn wir eigentlich schon los müssen, fängt sie noch mal an zu spielen, und dann sage ich: »So, jetzt hör auf zu spielen, wir müssen los.«

Yvonne: »…oder ich gehe allein.«

Tobias: Genau. Oder ich gehe dann allein. Ich kann meinem Chef ja nicht sagen, nur weil das Kind nicht fertig wird, komme ich eine Stunde später. Das geht nun mal nicht. Und dann entsteht Stress, klar, hauptsächlich für Yvonne…

Yvonne: Klar, dann stehe ich da mit dem Kind! Dann muss ich alles neu planen und muss sie in den Kindergarten bringen. Mit Ben. Tobias löst den Konflikt dann für sich und auf seine Art, aber ich muss die Konsequenz tragen.

Jesper: Und wie oft ist das passiert?

Yvonne: Es ist noch nie passiert. Oder ganz selten, ich weiß es gerade nicht mehr.

Jesper: Okay. Weil, das ist ein interessanter Unterschied zwischen Männern und Frauen… Du erlebst das als eine Drohung.

Yvonne: Ja…

Jesper: Aber das ist es nicht, das ist nur eine Tatsache. Es ist tatsächlich so: »Wenn du nicht fertig bist, dann fahre ich.«

Tobias: Es ist schon mal vorgekommen, dass ich allein losgefahren bin. Ja, so ist das dann.

Jesper: Ja! So ist es. Das meine ich. Anders kann man es zum Beispiel in Supermärkten beobachten, wenn ein Kind irgendetwas entdeckt hat, die Mutter aber weitergehen möchte und sagt: »Komm mit.« – »Nein, ich will hier sein, ich will hier spielen«, sagt das Kind dann vielleicht. Und die Mutter erwidert: »Dann gehe ich allein.« – »Okay«, sagt das Kind. – Dann geht die Mutter vielleicht fünf Meter, schafft es aber nicht, weiterzugehen und das Kind allein in dem Supermarktgang zu lassen, kommt zurück und sagt: »Komm jetzt mit.« Und das Kind fragt: »Oder?« – »Ja, dann geh ich wirklich allein. Und dann kannst du ja sehen, wie das ist, dann bist du ja auch allein«, sagt die Mutter dann verärgert. Und das ist dann mit Drohen verbunden, das ist Manipulation.

Yvonne: Okay, so etwas haben wir auch.

Jesper: Ja, aber hier, in diesem Fall, steht der Papi da und sagt: »So ist die Welt.« Das wollte ich nur sagen. Es geht nicht um Erziehung. Es geht nicht um Unterschiede, es geht darum, dass dein Mann die Tatsachen vorstellt: »Es ist tatsächlich so, ich muss rechtzeitig auf meiner Arbeit sein, und wenn du nicht mitmachst, dann muss ich allein fahren.«

Yvonne: Okay, Drohung ist dann, wir fahren auf der Autobahn, und das Kind tritt von hinten gegen die Sitze, und Tobias sagt wütend: »Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann fahre ich an die nächste Raststätte, und da bleibst du stehen.« Das hatten wir auch schon. Ist natürlich auch noch nie passiert. Weil ich ja mit im Auto sitze. (Yvonne lacht.)

Jesper: (Jesper lacht auch.) Der Rettungsdienst. Auf der Autobahn.

Yvonne: Ich weiß nicht, ob es passieren würde, wenn ich nicht dabei sein würde. Wahrscheinlich nicht, aber…

Jesper: Okay. Ich glaube, du kannst deiner Frau sagen: »Es geht nicht um Erziehungsphilosophie«, wenn du so etwas sagst.

Tobias: Ja, es geht einfach nur darum: Jetzt muss Ruhe sein, weil sonst passiert noch ein Unfall. Und das Auto ist ja kein Spielplatz.

Und dann noch diese wunderbaren Gedanken zu Erwartung und Verantwortung:

Bleibt man aber in seine Erwartungen verstrickt, sieht also nicht den Partner oder das Kind, sondern nur das Wunschbild, das man vom anderen hat, dann muss man zwangsläufig enttäuscht werden. Denn nur selten wird der andere dem Bild in uns entsprechen – er ist, wie er ist. Wird nun die Erwartung nicht erfüllt, gibt man meist gern dem anderen die Schuld. »Immer lässt du mich alles allein machen.« Doch für unsere Erwartungen sind wir selbst verantwortlich – nicht der Partner und nicht die Kinder: Ich bin verantwortlich. Wenn ich erwarte, dass meine Frau dies und jenes tun soll, dann muss ich mit ihr reden und sagen: »Das erwarte ich.« Und meine Frau kann sagen: »Hm, viel Glück!«, oder: »Mache ich aber nicht.«, oder: »Ja, meine ich auch.« Und dann werden wir sehen.

Diese Verantwortung für seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu übernehmen ist besonders wichtig, wenn man Familie wird. Unsere Erwartungen täuschen uns bloß, und die Enttäuschung über den anderen – das Kind oder den Partner – macht im Grunde nur spürbar, dass der andere unserem Wunschdenken nicht entspricht.

Also hören wir doch besser auf, unsere Beziehungen durch unausgesprochene Erwartungen zu vergiften. Besonders die zu unserem Partner oder der Partnerin. Unsere Mitmenschen so zu nehmen, wie sie sind, ist aber vielleicht das Schwierigste auf der Welt. Kinder können das. Sie sind uns darin Vorbilder. (…)

So kam vor Kurzem eine schwedische Familie zu mir in die Beratung, deren Tochter zweieinhalb war und bis zu diesem Tag noch kein Wort gesprochen hatte. Kein einziges Wort. Und alle haben versucht – also nicht nur Eltern, auch die Erzieher und eine Logopädin, die armen Kinder müssen heutzutage ja immer gleich in Therapie, wenn etwas nicht nach der Norm abläuft – also alle haben versucht, das Kind zum Sprechen zu bewegen. Während ich mich nun mit den Eltern austauschte und nachfragte, hörte das Mädchen aufmerksam zu. Ich habe die Eltern zum Schluss des Gesprächs gefragt: »Was wollt ihr denn gern von ihr hören?« Sie zögerten und sagten dann: »Ja, wissen wir nicht.« Und als wir uns verabschiedeten, kam die Kleine zu mir und sagte laut und deutlich: »Tschüss!« Die Eltern standen fast unter Schock, weil sie zum ersten Mal ihre Tochter hatten sprechen hören. Und sie schauten mich an, als wollten sie fragen: Warum spricht sie mit dir, Jesper, aber nicht mit uns? Na, für dieses Mädchen war klar, dass ich keine Erwartungen hatte. Ich hatte ihr vermittelt: »Wenn du reden möchtest, dann bist du herzlich willkommen, wenn nicht, dann bist du genauso herzlich willkommen.«

aus: Juul, Jesper. Liebende bleiben. Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken. Weinheim: Beltz, 2017. 23-26, 60-62.

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