RE: Die digitale Bildungsrevolution

Mit der Kompetenzorientierung und der veränderten Lehrerrolle ist die Wirtschaft jetzt endgültig in den Schulen angekommen. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der aktuellen PÄDAGOGIK (7-8’16) und man hat den Eindruck, man hat es mit einem Managermagazin light zu tun. Wer didaktisch etwas auf sich hält, darf mit Begriffen wie „Moderation“, „Coaching“ und „Diagnostik“ nicht länger geizen. Steuergruppen, Personalentwicklung, Supervision – alles, was der Außendarstellung der Schule nützt, ist Gold.

Da verwundert es nicht, dass auch Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt von der BERTELSMANN-Stiftung in ihrem Buch die »Digitale Revolution« ausrufen. Höchste Zeit, einmal die wichtigsten Thesen auf ihre Überzeugungskraft abzuklopfen.

Die digitale Bildungsrevolution von Joerg Draeger

These 1: Die digitale Bildungsrevolution kommt, ob wir es wollen oder nicht.

Das ist natürlich so und erklärt sich schon allein aus der Tatsache, dass sich das „Rad der Technik“ aus sich selbst heraus dreht.

Hängen geblieben sind vor allem die Geschichten von Arndt Kwiatkowski und Stephan Bayer, den Erfindern von bettermarks (Mathematik) und sofatutor (fächerübergreifend), zwei der führenden Lernplattformen im deutschsprachigen Raum.

bettermarks ist aufgrund eines einzigartigen Rechenverfahrens in der Lage, das Fehlerschema des Lerners zu analysieren und anspruchsprogressive Aufgaben zu generieren. Dies wirft – bei aller sicher berechtigten Kritik – nochmal ein anderes Licht auf das Potenzial von algorithmusbasierten Apps, die durchaus einzelne Bereiche des Lehrerjobs (Einübung, Anwendung) effizient und auf „intelligente“ Weise ersetzen können.

sofatutor hat sich auf die Produktion von Erklärvideos für verschiedene Alters- und Niveaustufen spezialisiert. Gelungen-Kreatives findet sich hier ebenso wie Abschreckend-Uninspiriertes und sogar Fehlerhaftes. Einige Videos setze ich mittlerweile selbst zur Vor- und Nachbereitung im Englischunterricht ein.

These 2: Die zukünftigen Formen digitalen Lernens bieten für das Bildungssystem große Chancen, aber auch Risiken.

Eine der großen Hoffnungen, die die Autoren mit der digitalen Revolution verbinden, ist die Erfüllung des alten Humboldtschen Ideals „Bildung für alle“ (Demokratisierung des Wissens, gute Bildung jedem weltweit zugänglich machen). Dass aber Massifizierung, also der Zugang möglichst vieler zu Bildungsressourcen in Form von MOOCs oder Open Educational Resources (OER) nicht automatisch Chancengleichheit herstellt und es hierfür auch keine wissenschaftlichen Belege gibt, musste Dräger schon beim Volkshochschultag 2016 auf YouTube einräumen.

In der Methode des „Inverted Classroom“ (individuelle Wissensaufnahme über Screencasts zu Hause, gemeinsame Einübung vor Ort in der Uni oder dem Klassenzimmer) sehen die Autoren die Möglichkeit trotz oder gerade aufgrund überfüllter Hörsäle und überforderter Lehrer auch in Zukunft personalisierte – im Sinne von individualisierter – Bildung gewährleisten zu können.

Während das flipped-Konzept ja für manche Zwecke (kleinschrittiges Lernen, erster Kontakt mit allgemeinen Regeln und beispielhaften Lernwegen, Verständnis von Fakten und Grundlagenwissen) tauglich sein mag, macht seine Kür zur allgemeinen Königsmethode allerdings wenig Sinn. Vielmehr scheint die Kunst des guten „Lehrens“ ja darin zu bestehen, aus einem Pool verfügbarer Methoden die zielführende und der Lernsituation angemessene auszuwählen (Kunter/Trautwein, 2013; Gold, 2015).

Die Kehrseite der digitalen Medaille ist hinlänglich bekannt: Massenhaftes Datensammeln für den guten Zweck der Bildung. Dass eine Weiterentwicklung des Lernens aber ohne kaum möglich sein wird, sollte ebenso klar sein.

These 3: Harvard für alle, maßgeschneidert für jeden.

Was den Lernfortschritt betrifft, wurde tatsächlich, wenn auch im Rahmen eines nicht-experimentellen Designs, eines der im Buch vorgestellten Programme durch die Columbia University evaluiert – das Teach to One: Math-Konzept. Und die Ergebnisse sind wirklich beeindruckend. Wissenszuwächse von 15 Prozent im ersten, 47 Prozent im zweiten Jahr, und das bei bildungsfernen Schülerinnen und Schülern.

Wie im Falle von bettermarks erhalten die Kinder auch hier täglich einen neuen und individuell angepassten Lernplan. Auch hier wird der zu Grunde liegende Algorithmus ständig weiterentwickelt. Entscheidend ist dann aber die Vielfalt der Lernzugänge. So rotieren die Schüler zwischen acht verschiedenen Arten zu lernen, darunter Peer-to-peer-Tutoring, eigenständige Übung, lehrerzentrierte Instruktion und Coaching mithilfe virtueller Lernvideos. Das ist personell möglich, weil die Bereitstellung der Ressourcen komplett vom Rechenzentrum übernommen wird.

Ein Beispiel dafür, wie schmal der Grat zwischen sinnvollem Einsatz von Technik und Nutzenmaximierung, Mensch und Markt sein kann ist dagegen die Gesichtserkennungssoftware »Affectiva«:

“The broad goal is to become the emotion layer of the Internet,” says Affectiva co-founder Rana el Kaliouby, a former MIT postdoc who invented the technology. “We believe there’s an opportunity to sit between any human-to-computer interaction point, capture data, and use it to enrich the user experience.” Already, Affectiva has conducted pilot work for online learning, where it captured data on facial engagement to predict learning outcomes. For this, the software indicates, for instance, if a student is bored, frustrated, or focused […]. “That means educators can adapt the learning experience and change the content to better engage students — making it, say, more or less difficult — and change feedback to maximize learning outcomes,” el Kaliouby says. “That’s one application we’re really excited about.“

Wer so redet, hat m.E. nicht verstanden, wie und warum Menschen lernen.

These 4: Spielerisches Lernen schlägt qualvolles Pauken, das Netzwerk schlägt den Einzelnen.

Auch hier muss man einwenden, dass das so pauschal nicht stimmt. Sicher kann man sich virtuelle Szenarien vorstellen, in denen Schüler geschichtliche Kompetenzen entwickeln oder moralische Dilemmata in Philosophie, die es in spielerischer Form zu lösen gilt. Es ist aber zu bezweifeln, dass sich die begriffliche Sicherheit und das grundlegende Handwerkszeug, das als Grundlage zur Lösung der Aufgaben dient, überhaupt ohne „qualvolles“ Pauken realisieren lässt.

Auch gilt es die Ergebnisse mehrerer Studien zu bedenken, nach denen der Einsatz digitaler Medien wie Tabs und Lernapps gerade bei jüngeren Schülern zu Ablenkung und Überforderung führt. Es kann daher viel wichtiger sein, originäre Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen, Schreiben erst einmal richtig zu lernen, um dann mit den Inhalten im Internet und dem Internet selbst zielgerichtet umgehen zu können.

Wer schließlich meint, dass menschliche Netzwerke grundsätzlich intelligenter sind, dem sei Fritz Simons „Gemeinsam sind wir blöd?! – Die Intelligenz von Unternehmen, Managern und Märkten“ ans Herz gelegt.

Fazit

Die Antwort der Autoren auf die Mängel des gegenwärtigen Bildungssystems sind auf den ersten Blick überraschend einfach und plausibel:

analog-digital

Aber wie genau soll die digitale Revolution in der Praxis dafür sorgen, die Ergebnisse des Lernens zu verbessern? Um welches Qualitätsverständnis handelt es sich eigentlich – die Wiedergabe von Fakten und Wissen, also Aneignung von „Stoff“, oder geht es um mehr? Und welche Bedeutung haben Kommunikation, soziale Beziehungen und andere Lernformen in der Schönen Neuen Welt?

Antworten auf diese und andere Fragen bleiben uns die Autoren auf 240 Seiten schuldig.

Die Stoßrichtung ist jedenfalls klar. Bildung wird mehr und mehr zu einem Produkt, das passgenau auf den Konsumenten der Inhalte zugeschnitten ist und wir dürfen diese Entwicklung nicht verschlafen (Dräger: »Europe has to act!«).

Dieser Kurz-Schluss überrascht. Denn man könnte ja auch die Auffassung vertreten, dass jede Generation von Lernern das Recht hat die Gesellschaft so zu gestalten, wie sie es für richtig hält und den technischen Entwicklungen nicht ohnmächtig ausgeliefert ist. Dass das möglich ist, scheint den Autoren gar nicht in den Sinn zu kommen und stimmt schon etwas nachdenklich.

Am schwersten aber wiegt m.E. die von Manfred Spitzer aufgeworfene Frage, in welchem derzeitigen schulischen Rahmen die „Digitale Revolution“ denn eigentlich stattfindet.

Laptop, Tablet und Internet machen nicht grundsätzlich dumm. Aber die entscheidende Frage ist doch: Verbessert ihr Einsatz die Qualität des Lernens, im Rahmen welches Qualitätsverständnisses und unter welchen Bedingungen? Fünf Milliarden Euro für die Infrastruktur in Schulen sind schön und gut, werden aber nichts bringen, wenn Kollegen die Medien gar nicht, ausschließlich oder falsch einsetzen. In den Worten von Michael Kerres:

Der Nutzen neuer Technologien für Bildung hängt nicht von der Verfügbarkeit von Geräten und Technik in der (Hoch-)Schule, sondern von der gesamten Qualität der Prozesskette ihrer Nutzbarmachung ab, d.h. von der Güte der Planung, Konzeption, Entwicklung, Einführung, Nutzung, Wartung, des Qualitätsmanagement etc. Ein Mehrwert entsteht erst, wenn die Technologie zu einer Problemlösung für Bildungsanliegen transformiert wird. (Kerres, 2002)

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