Veröffentlicht in Amerika

Dallas Diary 2005: Baptisten, Oger und andere Kuriositäten

Ich öffne die Augen und denke ich muss sterben. Mein Hals fühlt sich an wie ein Dutzend geschwollene Mandeln. Das kommt von der beschissenen Air-Condition. Jedes Mal, wenn ich fliege hab ich nachher Halsschmerzen, aber dieses Mal ist es besonders schlimm. Bei 40 Grad im Schatten bedeutet hier jedes Betreten eines öffentlichen Gebäudes einen Temperaturunterschied von 20 Grad. Das kann doch nicht gesund sein! Außerdem haben die Texaner generell ein merkwürdiges Verhältnis zur Umwelt. Alle Räume in der Uni sind verdunkelt, viele haben erst gar keine Fenster. Und die, die Fenster haben haben welche, die sich nicht öffnen lassen! Was man hier also als erstes macht, wenn man morgens zur Arbeit kommt, ist: Fenster dicht, Vorhänge zu und Licht an. Ach ja, und über die Stromkosten maulen.

Jedenfalls wache ich also auf und ein Luftzug streift meine Wange und ich denke: Moment mal, Du hast doch vor dem Schlafengehen den Ventilator und die Air-Condition ausgemacht – was ist hier also los? Da sehe ich oben an der Decke eine Miniklappe, nicht größer als eine Tafel Schokolade. Ich steige auf mein Bett – und tatsächlich: Aus der Klappe entweicht ein kleiner, aber konstanter Luftzug……. von ungefähr -250 Grad!! Was bleibt mir also anderes übrig: Ich schließe die Öffnung und hoffe wenigstens in Zukunft keine Probleme mehr mit dem Kram zu haben.

Unter der Dusche fällt mir der gestrige Abend ein. Ich war mit drei Mädels im Theater gewesen und die eine hatte sich mit einem Namen vorgestellt, der mich stark an eine berühmte Zeichentrickfigur erinnerte. Aber ich dachte: Was soll’s? Kann ja nicht jeder Glück haben. Später am Abend spreche ich also mit ihr und auf einmal: Totenstille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. „What’d you call her?” Ich: „Oger. Isn’t that your name?” Und alle brechen in Lachen aus. Nur die Betroffene wendet sich ab: „This is so mortifying…my childhood days are coming back!“ „No, it’s OLGA…Olga with l and a!” meint Nina, die Russin. Um, sorry. Naja, seitdem hab ich hier wohl eine potenzielle Freundin weniger.

Nach dem Frühstück macht meine Hostmother Sandy einen großartigen Vorschlag: „I hear you like my calendar with the kitties of the day. Would you by any chance like to go over to Brigitte’s (gesprochen „Brieschiet”) and see her cats?” Dazu ist eine kleine Anmerkung nötig. Brigitte ist die Nachbarin von Schultes. Sie ist Französin und hat ein Herz für Tiere. Also ist sie als Katrina vorbei war nach New Orleans gedüst und hat herrenlose Katzen von der Straße/aus dem Sumpf geholt und sie nach Texas gebracht. Und jetzt wohnen die 35 (kein Scheiß!) Miezen mit ihrem Mann Johnny („Merkst du denn nicht, dass ich dich brauche, Johnny?!”) und den drei Hunden, die sie ohnehin schon hatte, alle zusammen in einem Haus in McKinney.

Man kann sich vielleicht das Aroma vorstellen, das sich breit macht, als wir das Haus betreten (wie gesagt, Dallasites lehnen es grundsätzlich ab Fenster zu öffnen und Ventilatoren bringen auch keine frische Luft sondern verteilen im Grunde nur den Gestank). War jedenfalls ein Bild für die Götter: Sandy und ich zwischen den ganzen Tigern, auf dem Tisch, in den Gardinen, auf den Schränken, unter den Schränken, zwischen den Stühlen, auf unseren Schultern, in den Schubladen usw. Und dazwischen der dreibeinige Hund (muss wohl mal unter’s Auto gekommen sein… Statik war aber okay), der als Einziger im Haus sein durfte, weil nur er sich mit den Kätzchen verträgt, die ihn aber wiederum ärgern, indem sie sich ständig unter sein fehlendes Bein stellen. GEISTERBAHN.

Kaum bin ich wieder zu Hause, geht’s auch schon zur Uni, wo ich heute endlich mein Apartment beziehen soll. Ich lerne meine Kommunaden kennen: Jeffrey ist ein kräftiger Schwarzer, vom Erscheinungsbild ungefähr vergleichbar mit Shaquille O’Neal, nur nicht so groß und viel hübscher. Wie sich in den nächsten Tagen herausstellen wird, ist Jeff bei ungefähr allen Lieferservices in der Umgebung Kunde und hat auch seine festen Bestelltage: Montag Chinesisch, Dienstag Italienisch I (Nudeln), Mittwoch Junk, Donnerstag Italienisch II (Pizza), Freitag Sandwiches usw. Ansonsten ist er ein ziemlich ruhiger Typ, der seine Nachmittage am liebsten in seinem Zimmer vor dem Rechner verbringt und die Abende im Wohnzimmer vor der X-Box. Am Anfang dachte ich, den ganzen Tag die Kiste laufen zu lassen wäre Absicht, um potenzielle Einbrecher abzuschrecken (ist sogar explizit im Vertrag empfohlen). Aber nach einigen Tagen stellte sich raus, dass man hier einfach alles laufen lässt, auch wenn man gar nicht da ist: Fernseher, Musik, Rechner, Licht sowieso… naja, ist ja alles inclusive.

Mein anderer Mitbewohner heißt Patrick und ist etwas gesprächiger. Er hat auch eine coole Freundin („Hi, I’m Brittniiiiieee!“). Als er mir stolz seine Heineken-Sammlung auf dem Schrank präsentiert weiß ich, dass ich mir bei den beiden keine Sorgen machen muss.

Eine Stunde später holen mich Till Hein, neben Prof. Schulte mein zweiter Hauptkontakt hier, und seine Frau Becky in seinem grauen Mercedes Cabrio ab. Becky ist herzensgut, aber ihr Fahrstil ist leider unsäglich. Wild gestikulierend kutschiert sie uns durch Downtown Dallas, die Kippe stets in der linken Hand. Ein Spurwechsel sieht bei ihr in etwa so aus: Schulterblick, Bremsen, Schulterblick, Blinken, Schulterblick, Langsam anfahren bei gleichzeitigem Schulterblick, Bremsen, in den Innenspiegel gucken, Schulterblick, Bremsen, in Schrittgeschwindigkeit die Spur wechseln (das Bremsen nicht vergessen!), Schulterblick usw. Man kann sich vielleicht vorstellen, dass mir nach drei Spurwechseln speiübel war.

Till ist Anästhesist und hat mir angeboten, mich zu seinem samstäglichen Gym mitzunehmen, damit ich mal etwas Bewegung kriege. Die Halle, in der ungefähr 50 Millionen Stepper, Hanteln und Bänke stehen, war früher die Trainingshalle der Dallas Mavericks. An der Wand hängt sogar noch die alte Anzeigetafel.

Nun muss man dazu sagen, dass Till im Laufe der letzten Monate eine Art Joschka Fischer-Metamorphose durchgemacht hat. Vor einem Jahr wog er noch über 90 Kilo, jetzt sind es gerade mal 65. Gerade deshalb dachte ich, dass er länger durchhalten würde. Er schafft aber nur eine gute Viertelstunde, angeblich wegen Knieproblemen. Als ich fertig bin, habe ich Lust, noch kurz ins Wasser zu springen. Ich gehe also in den Pool im unteren Stockwerk und ziehe ein paar Bahnen….GROßARTIG!! Aber dann passiert etwas Gruseliges.

Wie es sich gehört, will ich mich im Anschluss kurz abduschen. Ehrlich gesagt bin ich schon etwas verwundert, als ich feststelle, dass der Duschraum in einzelne Kabinen aufgeteilt ist, fünf an jeder Seite. Als ich in einer ein Stück Seife auf dem Boden entdecke, lache ich noch und denke, dass manchmal auch wirklich alle Klischees erfüllt werden. Ich überlege also, ob ich den Vorhang zuziehen soll oder nicht. Manchmal erleichtert es einem als Mann ja die Entscheidung, wenn man überlegt, was der eigene Vater wohl in der gleichen Situation machen würde. Ich denke also nach und komme zu dem Schluss: Keine Frage, die Kabine bleibt offen. Zu diesem Zeitpunkt ist auch noch niemand außer mir da.

Ich seife mich ein und irgendwann kommt ein Typ mit Handtuch um die Hüfte, geht an mir vorbei, guckt mich etwas erstaunt (aber ausführlich) an und geht in die Kabine schräg gegenüber. Er zieht den Vorhang bis auf einen kleinen Spalt zu und fängt auch an zu duschen. Ein paar Sekunden später stehe ich mit dem Rücken zur Wand und… während ich nach vorne schaue, sehe ich: Den Typen! Und wie er mich durch den Spalt beobachtet!! Ich bin erstmal so geschockt, dass ich reflexartig mein Gesicht zur Wand drehe. Das kann doch nicht sein, oder?

Ich drehe mich vorsichtig um und mir fällt auf, dass tatsächlich alle anderen Vorhänge zugezogen sind, und ich denke: Ach, du Scheiße! Wo bist Du hier eigentlich? Ich beende so schnell ich kann alles, was ich noch zu machen habe und schiele nochmal vorsichtig nach schräg gegenüber. Der Typ glotzt mich immer noch mit diesem merkwürdigen Blick an, aber: Was ist das?? Ich schaue an ihm herunter und was sehe ich: Der Typ spielt sich an seinem Ding rum und das ist auch gar nicht mal so klein!!! OKAY, DAS REICHT… ich muss hier raus!! Ich packe meine Sachen zusammen und verlasse fluchtartig den Raum. Abtrocknen kann ich mich auch draußen.

In der Lobby treffe ich Till und, ohne genauer auf den Zwischenfall einzugehen, frage ich ihn ganz nebenbei, ob es eigentlich in den Staaten Gang und Gäbe ist, getrennte Duschkabinen mit Vorhängen zu haben. Er klärt mich darüber auf, dass wir gerade in sowas wie einem Baptisten-Gym gewesen sind, das an das Krankenhaus, in dem er ab und zu arbeitet mit angeschlossen ist, und dass die Leute hier eben etwas verklemmter sind.

Naja, denke ich für mich – das kann man so oder so sehen, nicht wahr?

Autor:

Jahrgang 79 Gütersloh, Germany

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