Veröffentlicht in Forschung

Unbeantwortete Mails, Teil 1

Betreff: Forschungsprogramm „Herausforderung Leben“

Lieber Prof. Dr. …,

vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.

Hier meine Fragen:

1. Wie kann vor dem Hintergrund einer einheitlichen Realität von einer Pluralität unterschiedlicher Wissenssysteme gesprochen werden?

Sie sprechen im Abschnitt ‚Spektrum der Forschungsarbeit‘ von einer „einheitlichen Realität“, die wir Menschen teilen. Mir scheint dies angesichts der Erkenntnisse der modernen Hirnforschung fraglich. Vielmehr deutet doch vieles daraufhin, dass ohne den Beobachter und seine Erkenntnisprozesse erstmal von gar keiner (wie auch immer vorhandenen) Wirklichkeit gesprochen werden sollte. Erst der Prozess des Erkennens ermöglicht es uns mit der Außenwelt in Beziehung zu treten und eine gemeinsame Realität zu ‚erzeugen‘. Die Sprache erlaubt uns dann den Austausch über unsere Wahrnehmung und ggf. die Übereinstimmung mit anderen Menschen. Jedoch kann diese Wirklichkeit nicht als „einheitlich“ bezeichnet werden, da das Gesprochene vom Sprecher niemals zu trennen ist.

2. In welchem Verhältnis stehen verschiedene Formen der Wissensorganisation zueinander und benötigen sie einen gemeinsamen Bezugspunkt, um Wahrheitsansprüche zu formulieren? Führt eine Pluralität von Wissensordnungen zu einem Relativismus?

M.E. könnte diese Frage ebenso lauten: „Benötigen sie [die verschiedenen Formen der Wissensorganisation] einen gemeinsamen Bezugspunkt, um Wahrheitsansprüche zu formulieren?“. Gibt man also mit dem Wahrheitsanspruch auch gleichzeitig den Anspruch auf Wirklichkeit auf? Ich meine, nein. Es hängt vom Willen des Einzelnen ab, ob er sich seiner Wirklichkeit immer wieder aufs neue durch den Austausch mit seiner Umwelt vergewissert. Die „Gangbarkeit“ ersetzt dann das Ideal der „Wahrheit“ und verhindert ein ‚anything goes‘. Wobei m.E. die Forderung des Erkennens und Anerkennens einer festgestellten Wahrheit in Anbetracht der Determiniertheit und Eigenlogik der kognitiven menschlichen Struktur ohnehin als utopisch gilt.

3. Unter welchen Bedingungen ist die Möglichkeit von Normalität angesichts einer pluralen Wissensverfassung denkbar?

Bitte erklären Sie doch etwas genauer, was Sie in diesem Zusammenhang unter „Normalität” verstehen. Inwiefern kann die Bestimmung des Begriffs für die Forschungsarbeit von Nutzen sein?

Vielen Dank, dass Sie sich für die Klärung der Fragen die Zeit nehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Autor:

Jahrgang 79 Gütersloh, Germany

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